• Susanne Schicho

Über die ersten Tage mit Pflegehunden

"Und, Susi, wie machst du das?"


Diese Frage habe ich in den letzten Tagen und Wochen besonders häufig gehört oder gelesen ‒ von interessierten Kund_innen und Freund_innen, die wissen wollten, wie die ersten Tage mit meinen zwei Pflegehunden Sparky & Minka verlaufen sind. Denn, wie im vorangegangen Blogbeitrag berichtet, ist unsere Hundegruppe nun vorrübergehend von drei auf fünf Vierbeiner gewachsen.

Wie man in einer solchen Situation vorgehen kann, möchte ich nun in diesem Artikel darstellen. Vorab erwähnt: Viele Wege führen nach Rom und meine Schilderungen legen keinen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit. Denn jeder Hund ist ein Individuum mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Vorerfahrungen, die er in sein neues (Übergangs-)Zuhause mitbringt. Die detaillierte Gestaltung der ersten gemeinsamen Zeit sollte stets gezielt auf den Vierbeiner angepasst werden. Als Grundsatz – zumindest für die Anfangsphase im neuen Zuhause – kann man sich „Weniger ist mehr!“ merken. Denn, wie bei so vielen Dingen im Leben, steht Qualität über Quantität: Hunde sollten beim Umzug in ein neues Zuhause, oder auf die Pflegestelle, die Möglichkeit bekommen, sich in aller Ruhe mit den neuen Eindrücken zu beschäftigen und diese zu verarbeiten. Sie sollten keinesfalls mit einem Schwall an Reizen konfrontiert und dadurch überfordert werden.



So, und womit sind Sparky & Minka (und somit auch wir Menschen …) nun in den ersten Tagen, ersten Wochen unter anderem beschäftigt?

1. Verschiedene Untergründe im Wohnbereich: Gleich bei der Ankunft hat sich gezeigt, dass Minka glatten Boden ziemlich blöd fand. Keinen Schritt wollte sie gehen und klammerte sich an jeden Teppich, obwohl ihr Bruder schon fleißig am Erkunden war. Minka kannte aus dem Shelter in Serbien von Auf ins Leben sehr wohl glatte Böden, war sie doch mehrfach mit im Trainings-Apartment, das die Vierbeiner auf ein Leben in Innenräume vorbereiten soll. Doch im ersten Moment, wenn alles neu und aufregend ist, können auch eigentlich bekannte Dinge zur (vorübergehenden) Herausforderung werden. Und wie haben wir das gelöst? Kurzerhand wurden sämtliche Böden mit Decken und Teppichen ausgelegt und siehe da: Nach ein, zwei Tagen waren die verschiedenen Untergründe kein Problem mehr.

2. Neue Bezugspersonen: Sparky und Minka kennen mich seit ihrem vierten Lebensmonat und haben mich im Shelter in Serbien bereits mehrfach gesehen; wir haben also schon einiges an Zeit miteinander verbracht. Das ist für die beiden natürlich eine Stütze beim Umzug nach Österreich – sie haben mich als verlässliche, vertraute Bindungspartnerin an ihrer Seite – und sie haben auch einander! Zu mir gehört auch mein Partner (Trevor) und den lernen Sparky & Minka nun als neue Bezugsperson in Ruhe kennen. Während Minka Trevor auf Anhieb sympathisch fand, zeigt sich aktuell im Alltag zusehends, dass Sparky ihn nicht ganz geheuer findet und hier noch einiges an Vertrauensarbeit notwendig ist.

3. Hunger, Hunger und nochmals Hunger: Sparky und Minka hatten vor allem in der ersten Woche riesengroßen Hunger. Nicht, dass sie im Tierheim nicht ausreichend zu fressen bekommen hatten, ganz im Gegenteil! Aufgrund des Tierheimstresses waren sie im Zwinger die ganze Zeit auf den Beinen, was wiederum Auswirkungen auf ihren körperlichen Zustand hatte. So sind Sparky und Minka als sehr dünne und sehr, sehr hungrige kleine ‚Monster‘ hier bei uns gelandet. Vor allem Minka fand Leckerlis und Futter in den ersten Tagen so wichtig, dass sie hier die Nähe ihres Bruders nicht schätzte und das auch deutlich zeigte. Und Sparky? Der suchte in den ersten zwei Tagen das ganze Haus nach Fressbaren ab … Gute Neuigkeiten: Die beiden haben bereits zugenommen und sind weniger hungrig. Minka ist somit auch sehr entspannt geworden, was Futter & die Nähe von Sparky betrifft. Sparky sieht es zumindest nicht mehr notwendig, jede Ecke nach einem Essenskrümel abzusuchen…

4. Geräusche im Haus & rund ums Haus: Die Geräuschkulisse hier bei uns ist eine völlig andere als sie im Shelter war. Im Trainings-Apartment des Shelters hörten die beiden Menschen, das Öffnen und Schließen von Türen, die Klospülung, verschiedenste Koch-Geräusche, die Kaffeemaschine uvm. Das ist schon ein sehr guter Anfang und viel, viel mehr als so manch anderer ‚Auslandstierschutz-Hund‘ kennt! Trotzdem ist es nur ein Ausschnitt aus dem realen Leben und der Geräuschkulisse bei uns. Hier hört man zusätzlich die anderen Hunde in Nebenzimmern, die ihre Liegeplätze wechseln, das Läuten von Handys, den PC, den Wasserkocher, die Waschmaschine, den Föhn, die Haustüre, die regelmäßig für Dobermann-Methusalem Richi geöffnet werden muss oder laute Traktoren und Mopeds, die immer wieder an der Straße vorbeifahren,... Das ist nur ein kleiner Einblick in die Geräusche, die die zwei Zwerge anfänglich, teilweise auch vom generellen Stresslevel abhängend, beschäftigen. Und diese Geräusche müssen sie oftmals aus Unsicherheit heraus mit Bellen kommentieren. Hier sind meine Unterstützung und Anleitung gefragt! Diese Liste hätte noch lange kein Ende … Vielleicht führe ich sie ein anderes Mal detailliert fort! Hier noch ein paar Stichworte, die uns aktuell beschäftigen/beschäftigt haben: visuelle Reize im Haus (Spiegel, Schatten, Fenster), abends mit Zweibeinern in geschlossenen Räumen, alleine bleiben, Stubenreinheit, Garten & Begegnungen (mit Menschen, Autos…) vom Garten aus zu sehen, Kühe neben dem Garten, relaxen lernen …


Klar ist: Die beiden Würmchen haben viel zu tun, viel zu verarbeiten. Daher gibt es noch KEINE ausgedehnten Spaziergänge und auch noch KEIN Zusammenleben mit den anderen Hunden des Hauses. Denn es würde die zwei schlichtweg überfordern. Und ganz ehrlich? Auch ich bin aktuell ordentlich gefordert und möchte die Vergesellschaftung der Pflegehunde und meiner Hunde entspannt und in aller Ruhe beginnen. Das haben wir in kleinen Schritten übrigens schon erprobt, mit mäßigem Erfolg bisher. Auch dazu ein anderes Mal mehr.

Und, wie mache ich das jetzt also? Wir haben uns in den ersten Tagen und in den letzten zwei Wochen einen gewissen Tagesrhythmus kreiert, der immer wieder Überarbeitung bedarf. Die zwei Hundegrüppchen leben noch separiert voneinander in jeweiligen Teilen des Hauses. Gefühlt besteht mein Tag zum Großteil daraus, Hunde zu schlichten und allen Bedürfnissen möglichst gerecht zu werden. Und ganz ehrlich? Zwischenzeitlich ist es super anstrengend. Aber ich weiß aus Erfahrung, es werden entspanntere Zeiten kommen und wir werden Sparky & Minka bestmöglich auf ihre zukünftigen Bleiben vorbereiten können. Das ist eindeutig den Sinn & Zweck dieser aktuell doch recht anstrengenden Aktion.



Noch eine wichtige Anmerkung zum Schluss: Natürlich wusste ich, worauf ich mich einlasse. Rica, die Schwester von Sparky und Minka, ist bereits vor zwei Jahren zu uns gezogen und brachte doch so einige kleinere und größere Baustellen mit sich. Bisher können die beiden Zwerge (zum Glück) ihrer „großen“ Schwester, was die Verhaltenskreativität besonders in ihrer Anfangsphase bei uns betrifft, noch so gar nicht das Wasser reichen. Letztlich habe ich eine sehr liebe und ehrliche Freundin, die seit über einem Jahrzehnt regelmäßig dringende Hunde-Fälle bei sich aufnimmt, meist mit einer Gruppe von sechs Hunden zusammenlebt und sich kein Blatt vor den Mund nimmt, dass dieser Lebensstil entsprechende Anstrengungen mit sich bringt. Somit habe ich bisher keine bösen Überraschungen erlebt. Daher: Alles Gut, alles im grünen Bereich!